Auswahl der Kandidaten


Ausschreibung

Am 9. April 1988 erschien in den Österreichischen Tageszeitungen eine Anzeige in Form einer Ausschreibung für eine(n) österreichische(n) Kosmonautin/Kosmonauten. Bei der Österreichischen Gesellschaft für Weltraumfragen (ASA), die die erste Vorauswahl durchführte, meldeten sich daraufhin 220 Bewerber davon 20 Frauen, von denen 198 den Ausschreibungsbedingungen entsprachen. Daraus sollten zwei taugliche Raumfahrer(innen) ausgewählt werden.

Öffentliche Ausschreibung in österreichischen Tageszeitungen. Grafik: BMBWK, Wien
Auswahlteam

Innerhalb eines Jahres sollten von einem Team, bestehend aus Spezialisten für Flugmedizin, Flugpsychologie und Sport, unterstützt von Fachärzten aller medizinischer Gruppen, Fachleuten aus den fachspezifischen Gebieten wie Raumfahrt und Projektmanagement, aus den 198 Bewerbern 2 Kandidaten selektiert werden.

Auswahl

Nach der Philosophie einer Auswahl unter physischen und psychischen Grenzbelastungen sollten die Bewerber und Bewerberinnen sowohl den Anforderungen, welche an Jetpiloten gestellt werden, aber auch dem Leistungsprofil eines Raumfahrers in Ost und West entsprechen. Eine universitäre oder gleichzuhaltende Ausbildung war ebenfalls gefordert. Weitere wichtige Anforderungen waren emotionelle und gruppendynamische Stabilität im Auswahlprozeß sowie völlige geistige und körperliche Gesundheit. Das Gespräch mit den Kandidaten, aber auch die Beobachtung derselben in den unterschiedlichsten Selektionsschritten durch die Humanfaktorexperten als Einheit von Physe-Psyche-Medizin war neben verschiedenen objektivierbaren Meßdaten Grundlage jeder Auswahlentscheidung.

Mit Hilfe der modernsten Einrichtungen für Flugphysiologie im Ausland, der Infrastruktur des Heeresspitales, der Universitätskliniken und des evangelischen Krankenhauses in Wien sowie verschiedenen Einrichtungen des österreichischen Bundesheeres konnte in einem 10-Stufenprogramm das Auswahlverfahren durchgeführt werden.

Die Bewerber hatten verschiedene Voraussetzungen zu erfüllen

Im ersten Schritt (November 1988 – Jänner 1989) des Auswahlverfahrens wurden nach den Kriterien Maximalalter 40, Österreicher und naturwissenschaftliche Ausbildung, aus den Bewerbern 110 Kandidaten unter Berücksichtigung eines Anamnesebogens, von Röntgenbildern, Laborbefunden, Augen-, HNO-, Zahn-, Gyn-, Ergometriebefund selektiert. Zusätzlich wurden Ultraschalluntersuchungen gefordert.

Frühere Spitalsbefunde, Impfzeugnisse, sonstige Krankheitsgeschichten, ein Leumundszeugnis, Kopien von Ausbildungsnachweisen bzw. anderer Befähigungsbescheinigungen wurden ebenfalls angefordert und studiert.

Jeder Proband hatte einen handgeschriebenen Lebenslauf, 2 Farbfotos, eine genaue Beschreibung der momentanen beruflichen Tätigkeiten sowie Angaben über sein derzeitiges Einkommen und seine Gehaltsvorstellung für dieses Projekt beizubringen. Die Kandidaten wurden zu diesem Zeitpunkt über den ungefähren Projektablauf, die Unterbringungs- und Urlaubsmöglichkeiten im Sternenstädtchen (dem Ausbildungszentrum für sowjetische Raumfahrer) informiert.

Der zweite Schritt (Jänner 1989 – Februar 1989) umfasste psychologische und medizinische Vortests, aus denen 70 Kandidaten als geeignet hervorgingen.

Der dritte Schritt (Februar 1989) bestand aus der psychologischen Vorselektion (4-stündige Gruppenarbeit, Computertests) und einem ersten, etwa einstündigen, persönlichen Interview. Dieses standardisierte Gespräch wurde gemeinsam vom Arzt und Psychologen geführt und dabei vor, während und nach dem Interview psychophysiologische Messwerte (Atemfrequenz, Puls, Blutdruck, Hautfeuchtigkeit etc.) dokumentiert.

30 Kandidaten wurden aufgrund dieser Tests als geeignet ausgewählt.

Der vierte Schritt (März 1989 – April 1989) umfasste die Auswahl nach flugphysiologischen und Streßtoleranztest-Kriterien: Die Bewerber hatten ein Überlebenstraining nach einem Fallschirmsprung zu absolvieren.

Dabei wurde unter Mithilfe des Ausbildungszentrums Wiener Neustadt eine FaIlschirmspringerausbildung vermittelt und die Probanden unmittelbar nach dem Sprung verschiedenen körperlichen und psychischen Strapazen ausgesetzt (in einem Eilmarsch von 25 km waren unter anderem die Hindernisbahn unter Zeitdruck, ein Erkennungsspiel, der Indianersteg, ein Verletztentransport, Abseilen, Feuermachen, Leistungstests etc. zu absolvieren). Bei alIen Aktivitäten wurden die Probanden persönlich und videodokumentiert überwacht und von Psychologen und Ärzten der Gesamtablauf interpretiert, insbesondere aber die persönliche Sicherheit der Kandidaten gewährleistet.

Im folgenden Zeitraum wurden die 30 Bewerber am Fliegerhorst Brumowski erstmals militärischen Realflugbelastungen (halbstündige Flüge mit Leichtflugzeug und Jet) ausgesetzt.

Ein standardisiertes Flugprogramm mit exakt wiederholten Flugfiguren, regelmäßigen Fragestellungen nach Orientierung, Wohlbefinden etc. bei einer Beschleunigungsbelastung von +5,0 bis -2,0 g sowie rapiden Höhenunterschieden mußte absolviert werden.

Dabei wurden verschiedene psychophysiologische Meßwerte (Holter-EKG, Voice-Recording während des Fluges, Gleichgewichtstest mit Luzerner Platte, Lungenfunktion, Blut- und Harnanalyse sowie Blutdruckverhalten vor und nach dem Flug) erfaßt.

Nach einem 20-minütigen Test auf einem Drehstuhl (Beschleunigung 180°/sek und alle 10 Sekunden Kopf nach vor beugen bis zur Horizontale mit Richtungswechsel jede Minute) blieben, unter Berücksichtigung aller Ergebnisse 15 Kandidaten in der Auswahl.

Im fünften Selektionsschritt (Mai 1989) wurden die Bewerber bei der DLR/Köln einem Unterdruck-Streß-Test (Lower Body Negative Pressure, LBNP) von -100 Torr für 30 Minuten ausgesetzt. Dabei wird das Herz-Kreislaufverhalten, aber auch die psychologische Belastungsbreite durch die Blutvolumenverteilung von der oberen in die untere Körperhälfte (bis zu 2 Liter) unter strenger medizinischer und psychologischer Überwachung maximal ausgelotet. 13 Kandidaten verblieben.

Im sechsten Selektionsschritt (Mai 1989) wurde die klinisch-psychologische Auswahl am Wiener Institut für Angewandte Psychologie in Form schriftlicher Tests, unter Berücksichtigung spezieller sowjetischer Tests für Raumfahrer, durchgeführt. Alle 13 Kandidaten verblieben nach diesen 2 Tage dauernden Tests im Auswahlverfahren.

Im siebenten Selektionsschritt (Juni 1989) wurde im Heeresspital, an Universitätskliniken und im Evangelischen Krankenhaus in Wien die medizinischen Hauptuntersuchungen (komplette interne sowie sämtliche fachärztlichen Untersuchungen, Anthropometrie, Computertomographie, Magnetresonanztomographie des Schädels, Elektrookulographie, evozierte Potentiale, Farbechokardiographie inklusive Schlafentzug für 54 Stunden und nachfolgender EEG-Untersuchung) durchgeführt.

Die psychologische Testung vor und nach Schlafentzug beinhaltete unter anderem Untersuchungen der Vigilanz, Raumvorstellung, Aufmerksamkeitsverteilung an der Großhirnrinde sowie der sensomotorischen Gesamtleistung.

Die Experimentatoren hatten Gelegenheit, unter der Leitung von Prof. Dr. W. RIEDLER im Beisein des Psychologen in mehreren Testverfahren bzw. Interviews die wissenschaftliche Eignung der Kandidaten zu prüfen.

Alle 13 Kandidaten bestanden diese Tests.

Bei einem Kandidaten konnte erst durch diesen Untersuchungsablauf ein angeborener, schwerer Herzfehler entdeckt werden. Die Ergebnisse der Herzkatheteruntersuchung zeigten bereits so weit fortgeschrittene Veränderungen, daß: der Kandidat einer raschen Herzoperation unterzogen wurde und somit seine volle Gesundheit aber auch seine zivile Fliegertauglichkeit wiedererlangte.

Im achten Selektionsschritt wurden mit zehn sowjetischen Humanfaktor- und Raumfahrtexperten anhand der vorliegenden Daten des 5. -7. Selektionsschrittes gemeinsam fünf männliche und zwei weibliche Kandidaten ausgewählt.

Es waren dies

  • Mag. Manfred Jeitler
  • Obst. Ltnt. Robert Haas
  • Mag. Gertrud Waich
  • Dr. Clemens Lothaller
  • Dipl.-Ing. Franz Viehböck
  • Dipl.-Ing. Elke Griedl
  • Mag. Peter Friedrich
Die sieben Kosmonautenkandidaten der engeren Wahl: Manfred Jeitler, Robert Haas, Gertrud Waich, Clemens Lothaller, Franz Viehböck, Elke Griedl, Peter Friedrich (v.l.n.r). Foto: BMBWK, Wien

Im neunten Selektionsschritt hatten diese sieben Kandidaten in der Folge durch zehn Wochen hindurch ein individuelles Fitnesstraining, bestehend aus Ausdauer- und Krafttraining, Trampolinspringen und Schwimmen unter der Aufsicht des Sporttrainers zu absolvieren. Dabei wurden alle Leistungsfortschritte exakt EDV-mäßig erfaßt und graphisch dargestellt.

Im zehnten und letzten Selektionsschritt wurden in der Sowjetunion nach dreiwöchigen ergänzenden medizinischen und flugphysiologischen Tests (Unterdruckkammer, Humanzentrifuge, Drehstuhltests u.a.) vier Kandidaten (2 Frauen, 2 Männer) und ein (männlicher) Reservekandidat zum unbeschränkten Kosmonautentraining freigegeben.

Von österreichischer Seite wurden zwei Kandidaten (Dipl.-Ing. Franz Viehböck und Dr. Clemens Lothaller) definitiv ausgewählt und im Jänner 1990 zur Ausbildung ins Sternenstädtchen entsandt.